Mutterleben
Am stillen Pfad der Kindheit fließt
Ein Börnlein sanft und helle.
Es rieselt kühl, es rieselt mild
Und trägt des blauen Himmels Bild
In seiner Silberwelle.
Ach, ohne dieses Börnlein wär‘
Des Lebens Morgen freudenleer,
Der Kindheit Himmel trübe. —
Das Börnlein ist uns wohlbekannt:
Es heißet Mutterliebe!
Am Börnlein sieht man sanft und hell
Ein zartes Blümchen glänzen.
Es ist der frommen Jugend hold
Und reichet seiner Blüten Gold,
Die Unschuld zu bekränzen!
Ach, wo nicht glänzt sein milder Strahl,
Da wird der Kindheit blühend Tal
Zu einer öden Haide. —
Das Blümchen ist uns wohlbekannt:
Es heißet Mutterfreude!
Am stillen Pfad der Kindheit blinkt
Ein Sternlein sanft hernieder.
Kein Wölkchen birgt sein Angesicht,
Es strahlt mit ewig jungem Licht
Und kehret immer wieder.
Ach, wo nicht dieses Sternlein wacht,
Verhüllet Dunkelheit und Nacht
Der Kindheit lichte Wege. —
Das Sternlein ist uns wohlbekannt:
Es heißet Mutterpflege!
Im stillen Glanz des Sternleins schwebt
Ein sanftes, lindes Säuseln,
Es macht des Säuglings Antlitz hell,
Es lächelt gleich dem Silberquell,
Den leichte Lüftchen kräufeln.
Ach, ohne dieses Säuseln schweigt
Ein Lallen, seiner Wang‘ entfleucht
Der junge Glanz der Rosen. —
Das Säuseln ist uns wohlbekannt:
Es heißet Mutterkosen!
Am stillen Pfad der Kindheit tönt
Ein Laut voll Kraft und Milde.
Es füllt des Lenzes sanftes Wehn
Mit Land und Blumen Tal und Höhn,
Mit Ähren die Gefilde.
Ach, ohne diesen milden Laut
Erstirbt, von dunkler Nacht umgraut,
Der Kindheit Blüt‘ und Aehre. —
Wir kennen wohl den süßen Laut:
Er heißet Mutterlehre!